8. Juli 2012

Krabat in den Niederlanden

Krabat in den Niederlanden
und anderswo


* * *
Štóž njećerpi, njewostanje dźěćo
Όποιος δεν έχει πονέσει χάνει την παιδικότητά του

Die Suche nach dem Flügel schlagenden sorbischen Magier Krabat begann im November des Jahres, das viele Deutsche als ihr Schicksalsjahr feierten. Bei dieser Suche offenbarte sich ein kleines deutsches Geheimnis. Fast ein Menschenalter nach dem Tag, den sie Reichskristallnacht genannt hatten, gab es, kaum beachtet im allgemeinen Festrausch der neugewonnenen Einheit, einen Aktionstag zur Erinnerung an weniger rühmliche Novembertaten und für Toleranz mit allen bedrohten Minderheiten in diesem wieder zu sich selbst gekommenen Land. Offenbaren werden sich hier auch ein Lausitzer Junge, Gio und Maya aus Holland, als schon älter gewordene Kinder. Für sie, auch für dieses Land, hat Krabat Funken zum Glühen gebracht.




Deutschland hütet aber weiter verbissen sein kleines Geheimnis, so als schäme es sich. Denn mit Tarnkappen-Events lässt es seine Sorben als Museumspuppen für das Ausland und Sonntagsausflügler hüpfen, derweil es die sagenhaften Milliardenbodenschätze der Lausitz still beiseite schafft. Die sorbische Sprache dabei bürokratisch auszudorren, ist nicht Nebeneffekt, sondern Voraussetzung der wohlfeilen Plünderung.

Aber Gemach, diese Übernahmekampagnen, davor auch schon von Römern oder brandschatzenden Schwedenhorden, währen seit uralten Zeiten. Das ist auch der Grund, warum Sorben es immer noch nicht fassen können, dass ein römischer Geschichtsschreiber es wagen konnte, sie versehentlich als Veniti zu taufen. Bis heute grämen sie sich tief über das daraus abgeleite Wenden Wort, das für Deutsche irrig impliziert, sie könnten die sorbischen Wenden einfach so herum wenden, wie sie nur wollen.



Engelsgeduld aus byzantinischem Licht

Hätten die Römer Durchblick gehabt und Lunte gerochen von den sagenhaften Reichtümern an Gold, Kupfer oder Platin in der Lausitz, sie hätten ganz sicher auch noch Rhein und Elbe überschritten. Was wiederum das Schicksal der Germanen besiegelt hätte. Aber zum Glück für die sich erst in neuster Zeit mit Ach und Krach zusammenrappelnden Deutschen, hatten Römer noch keine Peilwagen, mit denen sie die Schätze in den Erdtiefen hätten aufspüren können. Wie erst jetzt aus gut informierten sorbischen Kreisen durchsickert, waren diese Schätze das am besten gehütete Sorbengeheimnis, bis dann eben die Peilwagen der Rohstoffkonzerne über die aufgebrochene Heimatscholle rollten.

Was unwiderlegbar beweist, dass Deutschland sein Bestehen und Aufblühen zuerst sorbischer Umsicht verdankt. Zumindest hätten sich inzwischen mal das größte bundesdeutsche Flächenland, Niedersachsen, oder das Kernland Bayern, für die frühe Kultivierung durch Slawen bedanken können! Das Wendland heißt heute noch Wendland, wird aber leider nur zum Atomklo degradiert. Auch Nordbayern war slawisch kultiviert und alles östlich der Elbe sowieso. Nun, ein wenig Respekt wäre da doch drin. Aber das ist wohl zuviel verlangt. Über Jahrhunderte waren Sorben, wie andere Slawen auch, ohnehin mental auf dem Byzanz-Trip. Griechenland und das östliche Mittelmeer waren der sonnigere Teil der slawischen Welt. Dort hatten sie Tuchfühlung mit dem byzantinischen Reich. Einem Melting-Pot aus römischem Staatswesen, griechischer Kultur und ostchristlichem Glauben. Auch Krabat kam einst aus Südosteuropa in die Lausitz. So sehen Sorben das deutsche Schicksal mit Engelsgeduld. Sie sinnieren eher, welche Figuren wohl als nächstes in der Lausitz aufmarschieren, wenn die derzeitigen Schatzjäger das Weite gesucht und sich auch die deutsche Zunge wieder verflüchtigt haben wird.

Berliner Lustgarten

Zurück zum Berliner Gedenktag. Künstler und die Düfte exotischer Küche lockten also an diesem Spätherbsttag so manchen Spaziergänger in den Berliner Lustgarten. Während oben auf der Bühne die Redner um angemessene Worte rangen, mit denen sie die Schrecken der Pogromnacht vom November 1938 in das Gedächtnis zurückriefen; während dies also geschah, fuchtelten einige zufällige Besucher mit fetttriefenden Bratspießen vor den hungrigen Gesichtern bettelnder Roma herum: "Schert euch weg! Was habt ihr denn hier zu suchen? - Macht euch zurück, wo ihr hergekommen seid!" Diese Besucher wollten sich nur ungestört amüsieren. Ungestört sollten 1936 auch die Olympischen Spiele über die Bühne eines gerade entfesselten Deutschland gehen. Alle Berliner Zigeuner hatte damals die Polizei aus der Stadt hinaus in ein Lager verschleppt.

Die Geschichte war hier nicht auf die eindringlichen Worte eines Altbischofs, eines Rektors und des Vorstehers der Jüdischen Gemeinde angewiesen, um sich in Erinnerung zu bringen. Die Geschichte lebte einige Schritte vor der Bühne auf. Dort bellte es aus einem feisten Bauch den in Bierdunst und den Geruch halbverdauten Fleisches gehüllten Satz heraus: "Weg mit euch!". Windböen schoben schwere Wolken über die Stadt. Aus Angst vor Regenschauern hasteten Besucher unter die Dächer der Verkaufsstände. Bühnentechniker warfen vorsorglich Planen über Lautsprecher und Verstärker. Im nahegelegenen Dom versuchte jemand auf eigene Weise diesen Aktionstag zu würdigen. Die mächtigen Domglocken dröhnten, alles überschallend, immer dann, wenn das Wetter Bühnenarbeit zuließ. Es bedurfte einiger Mühe, um bis zum Ende der Veranstaltung auf niedrigen Bänken auszuharren und den nicht eben sehr konformen Stimmen zu lauschen.


Schlichte Worte

Das Publikum hatte sich bereits zerstreut, als, etwas schüchtern fast, ein Herr Nawka die Bühne betrat. Er fühlte sich nicht wohl dort oben. Um aber sagen zu können, was er zu sagen hatte, mußte er dort stehen. Sei es nun, dass er schnell wieder herunter wollte von der Bühne. Oder, dass er dachte, es sei schon genug geredet worden an diesem Tag. Vielleicht wollte er auch einfach nicht in einen Regenschauer hineinreden. Sei es wie es sei - er sagte nicht viel. Schlichte, zurückhaltende Worte sprach er. Worte, die nach Abschied klangen. Sie hatten etwas von dem Schmerz, der Sanftmut, aber auch von dem Beharren, das in den Augen eines Menschen ist, der sich auf eine lange Reise macht und den Blick noch einmal zurückwendet. Dieser Blick will sagen: ich bin noch da und ich werde wiederkommen. Jeder weiß, es kann auch anders kommen.

Einige Worte in Deutsch sprach er also und ein Gedicht in seiner sorbischen Muttersprache: "Vielleicht sind ja zwei oder drei Menschen hier, die verstehen können, was ich zu sagen habe." Gab es diese zwei oder drei an diesem Tag auf diesem Platz? Vielleicht gab es sie - vielleicht aber auch nicht. Ohne weitere Worte verließ der Redner die Bühne. Sein Blick schweifte noch einmal kurz durch das spärlich gewordene Publikum, als suchte er ein Gegenüber, das ihn verstehen kann.


Schweigen ist Tod

Da saß einer auf der Holzbank und erinnerte sich. Er hatte einige Stunden ausgeharrt. Er wartete nicht auf irgendeine Überraschung oder eine Neuigkeit. Was hier gesagt wurde, mußte gesagt werden; das war alles. Erinnern heißt Leben - Schweigen ist Tod. Manchmal geht's auch anders herum. Da bringt das Erinnern den Tod und das Schweigen heißt Leben. Aber was heißt es zu leben? Das sind alles alte Hüte, die, oft gesagt, wieder vergessen werden. In seine Grübeleien drang nun diese schlichte und doch beharrliche Stimme von der Bühne herab. Er verstand kaum ein Wort. Aber sie drang tief in ihn ein. Er gehörte nicht zu diesen zwei oder drei Menschen, die das Gedicht hätten verstehen können. Und doch riefen die Laute Erinnerungen aus Kindertagen herauf.

Da war ein braunäugiges Mädchen in der Schulklasse – Anna war so schön und auch klug gewesen, dass keiner der Jungen sie richtig anzusprechen gewagt hatte. Allerdings hielt sie es auch für unangemessen, sich mit ihnen abzugeben. Sie wurde bewundert und verachtet. Anna’s Vater hieß Wićaz Lehmann. Er hatte sich dem Übereifer einiger Verfechter der Zweisprachigkeit zu widersetzen versucht. Um irgendwelche prozentualen Vorgaben zu erfüllen, sollte seine Tochter in den Sorbisch-Unterricht gehen. Er sagte Nein und mußte selbst gehen. Ein anderer durfte nun seinen Schuldirektorposten übernehmen. In der eigenen Familie gab es die sorbische Urgroßmutter Lipič und die sanftmütig lächelnde Tante Merla. Über Urgroßmutter Lipič wurde aber fast nie gesprochen - außer, dass sie gemein und verrückt gewesen sei. Erst durch manchmal quälendes Nachfragen war mehr über sie und den tragischen Tod zu erfahren.
Sie war einige Zeit allein, mit einem zerrissenen Unterrock bekleidet, herumgeirrt, bis sie eines Tages gefunden wurde; im Hühnerstall hatte sie sich aufgehängt. Kann ein Mensch so gemein gewesen sein, dass kein gutes Wort für ihn zurückblieb? Ihr deutscher Mann hatte, aus unerfindlichen Gründen, verboten, dass sie zu Ostern in die Kirche geht. Selbst blies er dort zu jedem Kirchenfest die Posaune vom Turm. Sie hatte es hin und wieder doch geschafft, in die Kirche zu gelangen. Die Kinder bekamen von ihr die Ostereier, so wie es ihr Brauch war. Manchmal konnten die Kinder Urgroßmutter Lipič auch, in den Brombeersträuchern mitlauschend, über den Gartenzaun hinweg mit der Nachbarin in ihrer Sprache flüstern hören. Da hatte also ein deutscher Mann seiner sorbischen Frau verboten, Ostern in die Kirche zu gehen. Ist das zu begreifen? Einst waren seine Ahnen herüber über die Elbe nach Osten gezogen. Sie brannten, stachen, raubten und beteten sich den Weg frei. Auch wenn missionierende Mönche keine Ritter waren, so kreuzten sich deren Wege all zu oft - es wurden Kreuzeswege gen Osten. Die ihnen im Weg standen, waren keine Ungläubigen. Sie hatten einen Glauben und von Osten her auch schon etwas von dem neuen Heil vernommen. Die Slawen hielten nichts davon, das Kreuz der anderen zu tragen. Die Ostsüchtigen hatten es ihnen aber beigebracht, was es heißt, ihr Kreuz auf sich zu nehmen. Die zu jener Zeit das Kreuz auf sich nahmen und nicht erschlagen wurden, fanden die neue „Frohe Botschaft“ wohl etwas griesgrämig. Sie brachten ihre Farben, ihr Lachen und ihre Sprache mit hinein in den neuen Glauben. Trotz allem - ihre Sprache hatten sie nicht verloren. Der Urgroßmutter war sie abhanden gekommen, ohne dass sie eine neue gefunden hätte. Die zuletzt mit ihr lebten, fanden keine lebendigen Worte für sie. Schweigen bedeutet hier den Tod; das Erinnern kann das Leben ein Stück zurückbringen - oder vielleicht die Ahnung davon, was Leben sein kann.



Der Koraktor, das Zauberbuch

Mancher wird sich fragen: Was hat das hier alles mit Krabat zu tun? Der Verfasser muß eingestehen, dass er hierzu selbst noch keine schlüssige Antwort gefunden hat. Er ahnt - nein, er weiß eigentlich, dass dies alles in verborgener Beziehung zu Krabat steht. Doch wäre Krabat der Krabat, wenn der sich in einigen gefeilten Sätzen greifen ließe? Wer ihn sucht, sei es mit Beschwörungsformeln oder durch eifriges Durchblättern von Chroniken, wird höchstens ein Zipfelchen von ihm erhaschen. Und tut er sich dann groß, läuft er einher und ruft: "Ich hab ihn, ich hab ihn!", so wird er das Zipfelchen in der Aufregung verlieren. Dann hat er nur noch sich und vielleicht einige Bewunderer - es gibt so viele, die ein Wunder brauchen, das sie fassen können.

Zurück zu jenem Berliner Novembertag. Dort auf der unbequemen Holzbank, als ein Gedicht in einer Sprache gesprochen wurde, die die meisten nicht verstanden - da saß einer und erinnerte sich: Beim kindlichen Spiel auf dem Hausboden fand sich in einer der Kammern, in der noch vor dem letzten großen Krieg unsere Knechte und sorbischen Mägde geschlafen hatten, ein ganz und gar sonderbares Buch. Der kleine Junge war schon oft durch die Kammern gestrolcht. Die waren voller altem Gerümpel. Doch ist für einen kleinen Jungen altes Gerümpel kein Gerümpel. Wie so oft vergaß er hier sofort, dass seine Knie wieder einmal blutig aufgeschlagen waren. Er kannte sich aus hier oben. Das merkwürdige, ziemlich abgegriffene Buch hatte er noch nie hier gesehen. Es wird wohl ein anderer hier gestöbert und sich geholt haben, was ihm noch brauchbar erschien. Das Buch lag auf den ausgetretenen, grau verstaubten Dielen. Sein vergilbter, fleckig gewordener Pappeinband hatte sich kaum vom Fußboden abgehoben. Der Junge wäre vielleicht achtlos darüber hinweggestiegen, wäre er nicht an dem Blick des irgendwie finster dreinschauenden, weißhaarigen Mannes auf dem Buchdeckel hängengeblieben. Die Augen des Mannes schienen die Augen eines Adlers zu sein, oder waren es Falkenaugen? Und war der Blick wirklich finster?

Vielleicht war es gerade, dass es weder das eine noch das andere war, was den Jungen festhielt. Fasziniert griff er nach dem Buch. Der Mann hatte einen langen weißen Schnurrbart. Vor blauem Grund erhob er seinen rot-weißen Zauberstab. In der anderen Hand hielt er ein aufgeschlagenes, schwarzes Buch - es war der Koraktor, das Zauberbuch. Der Junge las das Buch von vorne nach hinten und von hinten nach vorn; denn Kinder können das, ein Buch von hinten nach vorn lesen. Aber las er es wirklich? Nein, er blätterte vielleicht nur selbstvergessen darin herum. Die Bilder werden ihm gefallen haben: Zwölf schwarze Raben putzen sich unter dem Flügel; alle unter dem gleichen, bis auf einen, der seinen Kopf in die entgegengesetzte Richtung hält. Davor steht mit fragendem Blick ein kleines Mütterchen, hinter ihr ein grimmiger Mann.

Er blätterte weiter, sah eine Königstafel, prächtiges Silber - eine feine Gesellschaft. Auf dem nächsten Bild sprangen plötzlich fette Kröten auf die Tellerchen und Regenwürmer quollen aus den Schüsseln. Der feiste König hatte sein rotes Pickelgesicht verzogen und seine Kulleraugen weit aufgerissen vor Entsetzen. Als der Junge endlich das Buch zuklappte, war es bereits düster geworden. Durch einige Dachritzen schimmerte noch rötliches Licht. Die schwachen Strahlen schnitten durch den finster werdenden Boden und bildeten auf den Dielen fast unmerklich wandernde kleine Lichtpunkte. Die wurden schwächer und begannen sich nun im Dunkel zu verlieren. Der Junge merkte plötzlich, dass er vielleicht nicht allein war hier oben. Er wußte nicht, was es war, aber etwas machte ihm Angst. Er legte das Buch weg und konnte im Halbdunkel gerade noch den Titel erkennen: "Mišter Krabat" stand da zu lesen. Er dachte nicht darüber nach, wer oder was Mišter Krabat ist. Der Weg die Bodentreppe hinunter erschien ihm heute endlos. Auf seinem Rücken brannte es, so wie es brennt, wenn einer einen Schlag oder eine Umarmung erwartet. Er wagte nicht sich umzudrehen, warf die Türe zu und verriegelte hastig das rostige Schloss. Einen Moment hielt er inne. Er überlegte: Wer ist da?

Schweiß stand ihm auf der Stirn; er hatte sich gefürchtet. Welchen Grund gab es, sich zu fürchten? Ihm fiel ein, dass er diesmal vergessen hatte, nach den kleinen Glasfläschchen zu suchen. An einigen Stellen waren die Bodendielen zerfressen, und aus den schmalen Ritzen hatte er schon manchmal grün und blau schimmernde Fläschlein hervorziehen können. Großmutter Charlotte hatte gemeint, sie wären aus unserer Gastwirtschaft Goldener Stern, die früher im Haus war. Sie hatte auch von Goldmünzen erzählt, die im letzten großen Krieg hier oben verloren gegangen sein sollen. Danach wird er wieder stöbern, das nächste Mal. Die Bodenfenster werden wieder Ausguck und Beobachtungsposten seiner Burg sein, die er ganz allein verteidigen wird. Das olle Buch mag bleiben, wo der Pfeffer wächst. Oder? Nein, schließlich ist er doch ein Junge. Er wird wieder in die Bodenkammer hineingehen; bei Tageslicht versteht sich. Und er wird achtgeben, dass ihn nicht wieder die Finsternis überkommt.




Kein fester Boden für große Männer

Manch einer mag hier einwenden: "Da hat also jemand auf einer Parkbank gehockt, hat sich ein Gedicht vorlesen lassen, das er nicht verstand. Und dann fiel ihm plötzlich irgendein altes, staubiges Buch ein, das auf einem verrümpelten Boden herumgelegen hat. Das Buch hieß "Krabat" und das soll nun etwas ganz Besonderes sein? Klingt ja alles sehr hübsch - aber was hat das nun, zum Donner, mit Holland zu tun?"

Gemach, gemach! Auch hier muß noch einmal, wenn es auch mühselig erscheinen mag, zu jener Bank zurückgekehrt werden. Dort saß einer und erinnerte sich. Er war nicht mehr ganz dort und er war noch nicht richtig weg. Ohne Zweifel hat man ihn dort sitzen sehen, an jenem Novembertag. Man könnte auch einfach sagen: er saß auf gepackten Koffern. Seine Gedanken liefen voraus. Schon morgen würde er an der alterwürdigen Rijksuniversiteit te Leiden Niederländisch reden müssen und wollen. Er würde in Holland keinen kennen und auf Hilfe angewiesen sein. Auf die Reise dorthin würde er nur mitnehmen, was er tragen kann. Kein unnötiges Gepäck. Er hatte versucht, so gut es ging auszuwählen. Bücher, Kleider, Adressen - genau konnte er nicht wissen, was er in den Niederlanden noch brauchen würde. Aber bei einigem wußte er, dass er es nicht mehr braucht.

Als er endlich in Leiden ankam, sah er, dass er gut gewählt hatte. Dort gab es Menschen, die ihn nicht kannten und doch freundlich zu ihm waren. Ihre Sprache klang sanft, als ob sie sich vor jedem zu scharfen Laut fürchtete. Die Niederlande ist ein Wasserland. Kanäle, Grachten, Seen und das Meer lassen oft einen feinen, feuchten Schleier in die milde Luft steigen. Scharfe Konturen von Landschaften, Häusern und Menschengesichtern werden leicht gedämpft. Viele Menschen ekeln sich hier vor Extremen, vor der Härte und vor großen Worten samt denen, die den Mund von ihnen voll nehmen. Es ist ein wässriger Grund, kein fester Boden für große Männer, die allein nach Macht krallen.

Ist es da ein Zufall, wenn der, der da an jenem Novembertag auf der Bank saß und sich erinnerte, nur wenig später in Leiden bei drei von zehn seiner religionswissenschaftlichen Kommilitonen das Buch über Krabat wiedersah? Zufall oder nicht, keiner von ihnen wußte, dass es eine sorbische Geschichte ist und sie ahnten kaum, dass nicht sehr weit weg eine an Bodenschätzen überaus reiche Landschaft war, die man Lausitz nennt. Zwei von ihnen hatten eine eigene Geschichte über die Geschichte von Krabat zu erzählen. Sie hatten wohl selbst hart um ihre Sprache ringen müssen. Ohne selbst je von Krabats Sprache gehört zu haben, haben sie doch etwas von ihm verstanden. Die Geschichte ging weiter - und so erzählten Gio und Maya:


Gio

Wie das Krabat Buch eine Reliquie für mich wurde

Es ist nicht einfach, etwa neun Jahre, nachdem ich das Buch gelesen habe, zu erzählen, was mich an diesem Buch einst fasziniert hatte. Ich las "Krabat" das erste Mal, als ich in den Ferien auf Griechenland war. Ostern 1982 waren wir zu einem Geschäftsfreund meines Vaters nach Piräus eingeladen. Ich war dreizehn, eine zarte Erscheinung mit schütterem Haar. Ich lernte dort Dimitrios kennen. Er war älter und kräftiger als ich. Die dunklen Locken fielen ihm tief in die Stirn - ich bewunderte ihn. Wenn sich unsere Väter auf der Terrasse bei Sprudel und Eis darüber unterhielten, wie sie wohl in noch weniger Zeit noch mehr Rindviecher zu kleinen Würstchen verarbeiten könnten - tollten ich und Dimitrios im Schatten der Apfelsinenbäume herum. Unter uns lag im blau gleißenden Licht Piräus; über den heißen Dächern flimmerte die Luft. Wir machten uns einen Spaß daraus, Apfelsinen den Abhang hinunterkollern zu lassen. Und freuten uns, wenn sie klatschend auf die Straße flogen, ihren, Saft verspritzten und die Leute erschrocken zur Seite hüpften. Wenn uns das langweilig wurde, rannten wir hinunter in den Hafen. All die riesigen Schiffe - wo kamen sie her und wo fuhren sie hin? Es gab auch ganz kleine Kutter. Auf einem weißen Rumpf stand mit blauer Farbe "Odysseus". Wir träumten uns hinauf auf das Boot und ganz weit weg. Damals wußte ich nicht, dass ich das erste Mal in meinem Leben verliebt war. Ich war nur ungeheuer verwirrt und völlig sprachlos, als wir wieder abreisten. Mein Vater wollte wohl doch keine Filiale in Griechenland eröffnen - ich sah Dimitrios nie wieder. So blieb ich allein in Angst und Freude über Gefühle, die mir völlig unbekannt waren. Doch in der Erzählung von Krabat fand ich mich wieder. Die enge Freundschaft zwischen Krabat und Tonda wurde so beschrieben, dass ich mich damals und noch oft danach zurückzog in die schützende Wärme dieser Erzählung. Da war die Osterwache von Krabat und Tonda und der Traum, den Krabat hatte, worin ihm Tonda einen neuen Freund zuweist. Tonda mußte sterben. Es war das Gesetz der Schwarzen Mühle, dass immer wieder einer sterben mußte. Wenn einer von den Müllerburschen einen Freund fand und zu ihm hielt, war er leicht des Todes. Aber Krabat überwand den schwarzen Zauber, die Macht des Müllers, indem er diesen Zauber selbst zu gebrauchen lernte. Und er ist doch kein Schwarzer Müller geworden; seinen ersten und besten Freund hat er aber verloren.

Die Freundschaft zwischen Krabat und Tonda war inniglich, im Buch wird ihr kein Stempel aufgedrückt, und ich will ihr auch keinen geben. Das ist eine Sache von Erwachsenen, die müssen alles in kleine, standardisierte Schubfächer stopfen, so, dass auch nicht nur eine offene Frage stehen bleibt. Männer dürfen Kumpel sein, dürfen sich beschießen, sie können miteinander Skat oder Fußball spielen, Pläne schmieden, sich gegen Schwächere verbünden und manchmal, nach dem dritten Bier und dem dritten Schnaps am Eichenholztisch, dürfen sie sich auch gegenseitig auf die Schulter hauen. Eines dürfen sie aber nie: zärtlich zueinander sein. Die Erwachsenen haben für diesen Fall allerlei "Schwarze-Müller-Worte" parat - mit denen sie ihr Schubfach-Dasein vor sich und ihren Kindern rechtfertigen können, dass die auch ja schön in der Mühle funktionieren. Die Müller-Worte sollen dir sagen: du bist Dreck, ein geiles Tier, ein Nichts, also füge dich und mach dich gleich! Was kann ein Dreizehnjähriger gegen diese Machtworte schon tun? Er geht ein wie einige der Müllerburschen, oder er versteht zu flüchten. Ich flüchtete mich in Griechenland in diese Erzählung. Sie war ein warmes Nest. Damals hatte das Buch für mich gesprochen. Ich war sprachlos und konnte einigermaßen fröhlich weiterleben, weil mir die Schrecken des Mühlen-Daseins noch nicht ganz bewußt waren. Später lernte ich zu sprechen. Das Buch blieb an meiner Seite; es wurde eine Reliquie für mich. Keine, die ich stumm verehrte, sondern eine, an der ich immer weiterlernte und begriff. Da ich meine Sprache gefunden habe und hin und wieder auch einige Müller-Worte zu gebrauchen lernte, kann ich die Geschichte von Krabat auch über mich hinaus erfahren. Sie spricht ja über Machtverhältnisse im Allgemeinen. Die Erzählung kann als Analogie für unser ganzes Leben gelesen werden. So wie auf der Schwarzen Mühle nicht alle Fragen gelöst werden können, bleiben auch wir immer mit Fragen. Der Tod ist die Antwort, dass nicht alle Fragen lösbar sind.



Maya

Wie ich zum Schwarzen Müller kam

Es ist Jahre her, da wurde ich in eine niederländische Kinderjury berufen. Ich war schon damals ein Unglücksrabe. Es gab wohl kein Jahr, in dem ich nicht irgendeinen Unfall, ein gebrochenes Bein oder einen verrenkten Halswirbel hatte. Ein Auge hatte ich sowieso schon verloren - ich war in eine Astgabel gerannt. Als ich einmal gerade weder etwas gebrochen noch verrenkt und auch keinen Unfall gehabt hatte, fiel auf dem Spielplatz ein alter Mann über mich her. Ich war sieben, weiß eigentlich kaum noch etwas; nur, dass er nach tagealtem Schweiß und Maschinenöl gestunken hatte.

Jeder wird sich leicht vorstellen können, was es für mich bedeutete, in diese Kinderjury zu kommen. Das war ein ausgesprochener Glückstag für den Pechvogel, der ich war. Freilich, ein Wunder war das nicht, ich verschlang schon damals Unmengen von Büchern. Ich war halt eine Leseratte. Doch nun zurück zum Krabat. Jene Kinderjury bestand aus den zehn meistlesenden Kindern, so wie sie in der Bibliothek von Leiden in den Leserlisten registriert waren. Diese Jury sollte nun ihrerseits die zehn meistgelesenen Kinderbücher lesen und die zwei besten auswählen. Es dauerte einige Zeit, bis das Ergebnis feststand. Aber wir waren doch allesamt geübte Leser. Als nun endlich der Tag der Entscheidung herankam, war die Spannung groß. Gewinner wurde "Bärchen Leichtherz", ein wunderbares Buch, da waren wir uns einig. So eine lustige Erzählung, da hatten wir nicht lange gezögert oder gestritten. Schwieriger war das schon mit dem zweiten Preis, da hatten wir uns heftig gezankt. Beinah wäre die schöne Preisverleihung ins Wasser gefallen. Das Buch, um das es ging, da waren wir uns einig, war ein düsteres. Was half es da, dass es darin einen Krabat gab, der den schwarzen Zauber samt seines Verwalters, den Müller, besiegt? Ja, und am Ende hatte es noch schönen, weißen Rauch aus der Esse gegeben. Und was geschah alles dazwischen? Kinder sollen ja angeblich die Schrecken von Märchen, Sagen und Erzählungen nicht mitkriegen. Es gibt eine Menge Literaturprofessoren, Soziologen und Verhaltensforscher, die das sehr genau zu wissen scheinen und darüber schöne, dicke Bücher schreiben können. Wenn sie recht haben, waren wir keine normalen Kinder. Wir zankten ausgiebig - vielleicht waren es nur die riesige Cremetorte und das Leserfest, die uns endlich zu einer Einigung trieben. Für mich war es damals klar: "Der Meister von der Schwarzen Mühle", oder wie wir sagen, "De meester van de zwarte molen" gehört auf den zweiten Platz.

Fast fünfzehn Jahre später verbringe ich einige Tage bei Bekannten nahe Amsterdam. Es war ein kalter Winterabend, ein Winterabend, wie er heute selten geworden ist. Der Frost klirrte, meine Bekannte war hinausgegangen, um Tee aufzusetzen. Wir waren stundenlang auf den Grachten Schlittschuh gelaufen, sind durch die Brückenbögen gesaust. Die Januarsonne und der schnelle Puls hatten unsere Wangen pluderrot gefärbt. Jetzt sitze ich allein im Zimmer. Ich genieße die Ruhe, und gewohnheitsmäßig lasse ich meine Blicke über pralle Bücherregale meiner Gastgeber gleiten. Ich suche nichts bestimmtes; in meiner Reisetasche sind natürlich wieder mehr Bücher hineingestopft, als ich überhaupt lesen kann. So wie ein Asthmatiker ständig seine Mittelchen und etwas Morphium bei sich hat, so schleppe ich überall meine Bücher mit. So ist das eben bei mir - eine Heilung gibt es nicht für mich. Plötzlich sticht mir der "Meister von der Schwarzen Mühle" in die Augen. Ohne, zu überlegen greife ich zu. Den Tee müssen nun meine Gastgeber alleine trinken; flugs bin ich in meinem Zimmer verschwunden, unter der Bettdecke mit zwei Kissen im Rücken mache ich es mir gemütlich und lese.

Im Fensterschein wirbeln winzige Schneekristalle - ein wundervolles Spiel, für das ich in dieser Nacht keinen Blick mehr habe. Als gegen Morgen die erst schwarzblau schimmernden Eisblumen glutrot aufzuleuchten beginnen, schlage ich die letzte Seite um. Im Einschlafen denke ich noch: Seltsam, diesmal ist mir der Schwarze Müller kaum bedrohlich erschienen. Der, der mir als Kind solche Schrecken eingejagt hatte und seine Knechte grausam mißhandelte, kann mich nicht mehr in seinem Bann halten. Und plötzlich sehe ich die Fratze das Müllers in das Gesicht von Krabat übergehen; oder ist es das Gesicht meines Vaters, das meine Züge annimmt? Die Gesichter scheinen zu gaukeln, sie wandeln sich im rasenden Tempo. Einmal scheint es das schmierige Gesicht des Alten vom Spielplatz zu sein - ich schreckte hoch. Die Eisblumen im Fenster strahlen nun ein kaltes, weißes Licht in das Zimmer, in das ich hineinstarre und erst wieder zu mir komme, als ich in meinem schweißnassen Nachthemd zu frieren beginne. Ich fahre erschrocken herum: "Maya!", ruft es da, mit einer Stimme, die von weither kommen muß. Da springt die Türe auf, meine Bekannte steht darin und sagt im leicht gekränkten Tonfall: "Willst denn du nicht mit uns frühstücken? Wir rufen immer wieder und du kommst einfach nicht!" Mein Hals ist zugeschnürt. Es dauerte etwas, bis ich sagen kann: "Ich komme bald; ja, ich komme bald." Ich starre dabei an meiner Bekannten vorbei in den leeren Vorraum. Wem habe ich da eigentlich geantwortet? Mich packt wieder eine namenlose Angst. Ich muß jetzt ihren Namen finden, sonst ersticke ich, denke ich mich erhebend – und steige zu ihr hinunter.

Hier enden, hier beginnen, die Erzählung des Lausitzer Jungen, die Geschichten von Gio und Maya aus Holland. So wie der Tod die Antwort auf das Leben ist, ist leben die Antwort auf den Tod. Wer nun selbst erkunden will, was es mit dem Flügel schlagenden Magier auf sich hat, lese im Original die Krabat Autoren Mircin Nowak-Njechornski und Jurij Brĕzan. Oder zumindest eine passable Übersetzung aus dem Sorbischen. Was eine passable Übersetzung ist? Nun, im internationalem Krabat Bestseller von Ottfried Preußler, oder im von den Century Fox Studios vertriebenen Krabat Fantasy Film, wird mit keinem Wort die sorbische Muttersprache zum Klingen gebracht, oder auch nur erwähnt.

In seinen Träumen steigt der Lausitzer Junge wieder und wieder die knarrenden Bodenstiegen hinauf. In seinen Träumen sieht er aus der Dachluke spähend, auf der geschwungenen Gartenbank, Urgroßmutter Lipič, Großmutter Charlotte, Großmutter Else und Tante Merla. Sie parlieren rege in einer Sprache, oder auch in verschiedenen Sprachen, unter den beiden von Urgroßvater gepflanzten Lindenbäumen. Sie schälen und schneiden flink Spätsommer Äpfel in wassergefüllte Schalen. Der Junge ist noch zu weit weg, um ihre Sprache zu verstehen. Dass sie aber eine Sprache gefunden haben, das kann er deutlich in ihren erfüllten Gesichtern lesen.

             Štóž njećerpi, njewostanje dćo

Der nicht leidende Mensch bleibt nicht Kind

* * *

"Krabat w Nižozemska“, veröffentlicht in Literaturzeitung Rozhlad
Ralph Th. Kappler, Serbski kulturny časopis, Budyšin/ Bautzen, 1993
Deutsche Neufassung, „Krabat in den Niederlanden“, Tomaš Kappa, Brüssel, 2012




*
 Press Release: Sorbian Delegation at the London based Foreign Press Association
  Joint statement of HALO ENERGY and DOMOWINA, London 2002




* Sorbian Wendish EU Memorandum to EU-President José Manuel Barroso,
   Sorbisches EU Memorandum an EU Präsident
José Manuel Barroso, 
  
Brussels / Budyšin / Bautzen, 7th of June 2012   





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